“Brain drain”: Ein Süditaliener im Bayerischen Wald

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”Brain drain”, bzw. “fuga dei cervelli” wie man auf Italienisch sagt, bezeichnet die Abwanderung von Universitäts-Absolventen ins Ausland. Innerhalb der EU sind besonders die südeuropäischen Staaten betroffen. Viele junge Leute aus diesen Ländern wählen Deutschland als Zuwanderungsland. Wir wollten wissen, was junge Italiener dazu bewegt, ihr Land zu verlassen,  was sie erleben, was ihre Hoffnungen und Erwartungen an die Zukunft sind.
 
Heute stellen wir vor – Pietro Calabrese, 25 Jahre, aus Ginosa, einer kleinen Stadt in der Region Apulien.

"Brain drain" (Quelle: Adrian Senn)

(Aquädukt) Wie kam es zu Deiner Entscheidung nach Deutschland zu ziehen?

(Pietro Calabrese) Mehrere Gründe haben mich dazu bewogen, nach Deutschland zu ziehen.

2005 begann ich mein Studium in Rom. Neugierig auf andere Kulturen und gepackt von einer großen Leidenschaft für die englische Sprache, entschloss ich mich für den Studiengang „Mediazione Linguistico-Culturale“ (dt. “Sprachlich-kulturelle Vermittlung”) an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität „La Sapienza“ in Rom.

Dort kam ich das erste Mal mit der deutschen Sprache in Kontakt. Neben Englisch hatte ich Deutsch bewusst als Zweitsprache gewählt, weil Deutschland den wichtigsten Handelspartner Italiens darstellt.

Meine Entscheidung beruhte somit anfangs im Hinblick auf meine berufliche Zukunft, eher auf rationalen Gründen, denn auf einer wirklichen Begeisterung für die mir damals noch unbekannte deutsche Sprache und Gesellschaft.

Schnell war jedoch klar, dass es sich dabei um eine der besten Entscheidungen in meinem Leben handelte. Mit zunehmendem Interesse besuchte ich deutsche Sprachkurse, eine Organisation für deutsch-italienischen Studentenaustausch und das Goethe-Institut in Rom.

Durch den Kontakt mit jungen Studenten aus Deutschland, den Meinungsaustausch und den damit gewonnenen Blick auf die Realität beider Länder – einander so nah und doch so unterschiedlich –  hat sich mein Interesse und meine Bewunderung für Deutschland noch verstärkt.

2007 habe ich dann für zwei Semester im Rahmen des Erasmus-Programms an der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf studiert und war außerdem Praktikant in einem Übersetzungsbüro. Zurück in Rom schrieb ich meine Abschlussarbeit über das „Phänomen der italienischen Migration in Deutschland in den Sechziger Jahren“.

Kaum den Abschluss in der Tasche, überkam mich der Wunsch nach Deutschland zurückzukehren. Ich absolvierte ein Praktikum bei der italienischen Handelskammer in München und arbeitete in Hamburg.

Seit Oktober 2010 studiere ich als DAAD-Stipendiat den Master-Studiengang “International Cultural and Business Studies” an der Universität Passau.

Was gefällt Dir besonders gut in/an Deutschland?

Verschiedene Aspekte bewegen mich dazu, in Deutschland zu leben und von denen ich wünschte, dass es sie auch in Italien gäbe. Diese betreffen ohne Zweifel die Lebensqualität, die ausgezeichneten Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen sowie einige Werte der Deutschen, von denen mir Ökologie und Transparenz die wichtigsten sind.

Es sind Werte, die in der politischen und wirtschaftlichen Situation in Italien schwer zu finden sind. Unabgängig von politischer Couleur hat sich in Italien in den letzten Jahren eine politische Klasse entwickelt, die sich im Gegensatz zu Deutschland, mehr um ihre eigenen Interessen als um die Belange der Bürger kümmert und sich somit immer mehr von der Realität des Landes entfernt hat.

Das Fehlen junger Politiker, das zerrüttete Ausbildungssystem, die steigende Jugendarbeitslosigkeit, die Probleme im Süden des Landes und die Unsicherheit der jungen Erwachsenen im Hinblick auf ihre Zukunft empören und bestürzen mich.

Genau deswegen schätze ich Deutschland: hier hat man stets ein Auge auf die Situation der Jugendlichen sowie auf Ausbildung und Forschung – auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten.

Was sind Deine Erwartungen an die Zukunft?

Nach meinem Studium möchte ich noch für einige Jahre in Deutschland bleiben, denn ich denke, hier habe ich mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Danach würde ich gerne wieder in mein Land zurückkehren in der Hoffung, Italien werde in Zukunft wieder zum „Bel Paese“, und das nicht nur wegen des Meers, der Sonne und der guten Küche.

Das Interview wurde von Patricia Liberatore via Mail durchgeführt.

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Weitere Informationen zum Thema Abwanderung junger Fachkräfte in Italien:

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„Italy young people ‚discouraged’, Nachrichten ANSA vom 26. Januar 2012

Blog vom Corierre della Sera zum Thema Jugend & Arbeitsmarkt

Fuga dei Cervelli: Anmerkungen zu italienischen Universitäten

Und unsere Blogbeiträge zum Thema:

„Der beengenden Wirklichkeit entkommen“

und Italy: Love it or leave it“

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1 Comment

  1. das ist sehr interessant….. effiziente wirtschaftliche und soziale Strukturen
    begünstigen die dazugehörige Sprache.
    AlsCaesar in Alesia die Kelten in Frankreich besiegte
    kam es sehr schnell zu einer Gallo-Römischen Kultur
    mit neuer Religion und neuer Sprache. Wenn der Bauer
    vom Land weiterhin seine Produkte verkaufen wollte war auch
    er zum Erlernen von Gallo-Römischem Latein gezwungen.
    Latein blieb sehr lange die Sprache Europas.
    Dem franzöischen Adel ist es nach eine Schönheitskur ihrer
    Sprache gelungen Französisch als Diplomatensprache zu etablieren.
    Seit der Industriellen Revolution wurde Englich immer mehr zur Weltsprache.
    Zur Zeit werden die Gewichte der Sprach-Herrschaft neu verteilt.
    Ich selbst hoffe auf eine erasmische Zukunft.
    Etwas primitiver ausgedrückt.: Leben und Leben lassen.
    Man sollte aber nicht die Effzienz der wirtschaftlichen System vergessen.
    Die gallo-rämische Kultur konnte sich nur so gut entwickeln,
    weil sie für das Wohlergehen der Menschen einfach effizienter war.

    Jürgen

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