Deutschland, unnachgiebiger Lehrmeister Europas?

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Giovanni Luchetti arbeitet seit einigen Monaten bei unserem Aquädukt als Praktikant mit. Er hat uns seine Meinung zur in Italien aktuell verbreiteten Kritik an Deutschland geschrieben.

 „Italien ist nicht mehr ansteckend für die Europäische Union“ das sind die Worte Mario Montis bei der Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel am 11. Januar. Der italienische Ministerpräsident hat außerdem über die zweite Phase der Maßnahmen gegen die Krise gesprochen: Liberalisierungen, Wachstum und Gerechtigkeit. Aber er hat auch darauf hingewiesen, dass die italienische Regierung nicht noch mehr Opfer von den Bürgern fordern kann. Falls es nicht bald Signale für einen Wirtschaftsaufschwung in Europa gibt, könnte in Italien die negative Stimmung gegenüber Europa und Deutschland wachsen.

Quelle: KAS Rom

Persönlich glaube ich, dass wir Italiener uns darüber bewusst sind, dass die von unserer Regierung geforderten Opfer notwendig sind und zwar nicht, weil sie von der EU verlangt werden, sondern vielmehr weil wir wissen, dass gewisse Reformen im Interesse der mittel- und langfristigen Zukunft Italiens sind. Im Übrigen ist das auch die Meinung Mario Montis, der in einem Interview mit “Die Welt” erklärte: ”Die schwerwiegenden Einschnitte sind notwendig, um die Reformen auf den Weg zu bringen, die uns neues und größeres Wachstum bringen. Zu diesem Zweck brauchen wir die Liberalisierung des Arbeitsmarktes, die vielen Bürgern Opfer abverlangen wird. Laut den Umfragen haben die Italiener diese Tatsache klar akzeptiert.“

Das Hauptproblem ist meiner Ansicht nach vor allem, dass es den Italienern so scheint, als ob die EU, trotz aller Opfer, diese Sparpolitik nicht genügend würdigt. Wenn die Italiener in nächster Zukunft nicht positive Resultate für ihre Bereitschaft zu den Reformen und zum Sparkurs erkennen können, steigt das Risiko – wie es sich übrigens schon in einigen Bereichen abzeichnet – eines Protests gegen Europa und vor allem gegen Deutschland.

Der italienische Ministerpräsident meint dazu: ”Ich kann mit meiner Politik keinen Erfolg haben, wenn sich der Kurs der europäischen Union nicht ändert. Falls das nicht passiert, könnte Italien – das immer sehr positiv gegenüber Europa eingestellt war – in die Arme von Populisten getrieben werden.

Eine weitere, fundamentale Frage stellt sich in Zusammenhang mit der Führungsrolle Deutschlands und den Schwierigkeiten, die das Land mit dieser Rolle hat. Ich glaube man kann feststellen, dass viele Italiener, vor allem im Bereich der Unternehmen und der Produktion, zumindest bis jetzt bereit sind, sich den wirtschaftlichen Ansporn und die Zugkraft Deutschlands zu Nutze zu machen. Ich glaube aber auch, dass es falsch wäre, wenn Deutschland versuchen würde, die Leitlinien in Europa im Alleingang vorzugeben.

Vielmehr muss Europa eine Vielzahl von Zentren haben und Italien ist eines davon. Das Risiko einer anti-deutschen Tendenz bildet sich in der öffentlichen Meinung, verstärkt von einer nicht immer objektiven Presse, weil es so aussieht, als ob über die politische und wirtschaftliche Richtung des Kontinents vor allem in Deutschland entschieden wird. Dadurch fühlen sich die europäischen Mittelmeerländer, deren stärkste Volkswirtschaft immer noch Italien ist, nach und nach an den Rand gedrängt.

Der Beitrag stammt von Giovanni Luchetti, Blog-Praktikant bei der KAS-Rom.

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