Ein Jahr nach der Tragödie von Lampedusa

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Am 03. Oktober 2013 fängt ein großes Boot mit hunderten, vorwiegend eritreischen Migranten, auf dem Meer Feuer und sinkt nur wenige Meilen von der Insel Lampedusa entfernt. 366 Personen waren an Bord. Es ist zahlenmäßig die größte ‘Seetragödie’ im Mittelmeer seit dem Krieg.

Nun ist schon ein Jahr vergangen seit jener dramatischen Nacht, die uns alle entsetzt und nicht nur in der italienischen Öffentlichkeit Tränen, Schrecken, Wut und Empörung geweckt hatte. Noch immer haben wir im Ohr, was Papst Franziskus am Ende seiner Rede bei einer feierlichen, von Justizia et Pax organisierten Veranstaltung spontan gesagt hatte: ‘Das ist eine Schande!’

Mare Nostrum, dieses ganz und gar italienische Forschungs- und Hilfsprogramm, über das in den vergangenen Monaten so viel gesprochen wurde und das noch immer die Seiten der Zeitungen und die nationalen Nachrichtensendungen füllt, wurde genau nach diesem tragischen Ereignis ins Leben gerufen. Bis ein Jahr davor hatte die italienische Regierung, in Koordination mit der europäischen Grenzagentur Frontex, die Taktik des push back angewandt, mit dem Ziel das Einlaufen dieser mit Flüchtlingen überfüllten Boote zu verhindern, die vorwiegend aus Konfliktzonen und aus den „heißen Zonen“ des Mittelmeers stammten. Das Unglück von Lampedusa mit all seinen Toten – vor allem junge Menschen, Frauen und Kinder aus Eritrea – weckte die italienische Führung und die europäischen Beamten aus ihrer Trägheit: Sie bauten die Mauer der Fortress Europe ab und beschlossen letztlich die Tore des Mittelmeers zu öffnen. Die Operation Mare Nostrum, die im November integriert wird – und nicht ersetzt, wie viele immer noch behaupten – durch das europäische Programm Frontex plus hat bislang 32.908 Menschenleben gerettet.

Und doch ist das noch nicht ausreichend.

Den vielen geretteten Leben stehen die vielen, von der internationalen Presse und den ONG registrierten Tragödien, von denen sich zahlreiche in dem ‘Friedhof Mittelmeer’ abspielten, eine der gefährlichsten Routen für die Migrationsflüsse der letzten Jahre. In den ersten acht Monaten 2014 starben 3.072 Immigranten an der Südgrenze der EU: Eine alarmierende Zahl, wenn man bedenkt, dass 2013 die Zahl wesentlich geringer war: 700.

Diese erschreckenden Daten, wurden am 29. September im Bericht der Internationalen Organisation für Migration veröffentlicht. Sie gehen auf eine emblematische Untersuchung mit dem Titel Fatal Journeys: Tracking Lives lost during Migration (Todesreisen: Monitoring von Todesfällen während der Migration) zurück, auf dessen Umschlagseite die Schrift „Tor Lampedusa – Tor Europas“ thront. Jenes Denkmal, das Mimmo Paladino 2008 den auf jener „Reise der Hoffnung“ umgekommenen Migranten gewidmet hat. Eine Reise, die sie fortbringen sollte von Verfolgung, Elend und Krieg. Die Arbeit an dem Bericht wurde genau an jenem 3. Oktober begonnen und dauerte fast ein Jahr.

Tamara Last und Thomas Spijkerboer von der Universität Amsterdam befassten sich ausgesprochen kompetent und in alle Einzelheiten gehend mit dem Kapitel über das Monitoring der Toten im Mittelmeer. Aber inmitten der Graphen, Zahlen und Prozentsätze, Betrachtungen, Ermahnungen und Empfehlungen überraschte uns am Ende der interessanten und ausführlichen 19seitigen Studie die Erzählung des Syrers Louay Kahlid, der die Katastrophe überlebt hatte, am 10. Oktober im Hal-Far Center auf Malta. Als wir diese kurze, eindringliche Seite des Berichts lasen, erfuhren wir von seinem Zwangsaufenthalt in einer Behausung in Libyen, zusammen mit weiteren 450 Migranten: „Wir durften das Haus nicht verlassen. Wenn wir es dennoch getan hätten, wären wir erschossen worden“. Wir erfuhren von dem Geld (1.075 $), das den Schleppern und Bootsführern gezahlt werden musste, um aus Libyen herauszukommen und „das Mittelmeer zu überqueren“; vom Augenblick der Einschiffung auf ein bereits übervolles Boot: …“wir waren zu viele. Überall auf dem Boot waren Menschen“ erzählt Louay Kahlid, „Menschen im Maschinenraum, Menschen selbst auf dem Mast“. Und er berichtet von den Tränen der Passagiere, von den Eltern, die ihre Kinder an sich drücken, das Kippen des Bootes, das Ertrinken einiger Flüchtlinge und schließlich die Rettung durch Freiwillige des Roten Kreuzes.

Eine Szene, die sich bei jeder „Reise der Hoffnung“ auf dieselbe Weise wiederholt. Louays Stimme ist in der Tat nur eine von vielen, die die Erfahrungen von Männern und Frauen berichten, die avor auf der Flucht vor unhaltsam gewordenen Lebensbedingungen in den Ursprungsländern sind und statt Schutz, Hilfe und Achtung allzu oft den Tod finden.

  1. Oktober 2014

Ein Jahr nach der Tragödie von Lampedusa fragen wir uns: ‘Wann wird dieser Schrecken enden?’+

Ein Beitrag von Silvia Bruno, Redakteurin des Observatoriums für deutsch-italienische Beziehungen (OGI). Übersetzt von Dorothee Wolff.

 

 

 Quellen:

R. Calandra, Lampedusa, la più grande tragedia del mare: centinaia di morti, in “Il Sole 24 ore”, 3 ottobre 2013, <http://www.ilsole24ore.com/art/notizie/2013-10-03/naufragio-lampedusa-recuperati-quattro-084818.shtml?uuid=Ab8kSVjI> [ 2.10.2014]

Strage Lampedusa, il papa: è una vergogna. E su Twitter: preghiamo Dio, in “Il Messaggero”, 3. Oktober 2013,<http://www.ilmessaggero.it/PRIMOPIANO/VATICANO/lampedusa_papa_twitter_preghiamo_dio_per_vittime/notizie/334259.shtml> [ 3.10.2014]

Bevor der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in seinem Epoche machenden Urteil aus 2012 Italien verbot, mit dieser Taktik fortzufahren. (s. J. Yardley, Sicilian Town on Migrants’ Route Cares for the Living and the Dead, in “The New York Times”, 17. September 2014, <http://www.nytimes.com/2014/09/18/world/europe/sicilian-town-on-migrants-route-cares-for-the-living-and-the-dead.html?_r=0> [ 3.10.2014]

I. Vitelli, Anche noi sulla via dell’esodo: il viaggio della speranza dell’Eritrea a Lampedusa, in “Vanity Fair”, 28. Juli2014, <http://www.vanityfair.it/news/mondo/14/07/28/viaggio-immigrati-italia> [ 3.10.2014]

Zitat aus einem Artikel von Gabriele Del Grane vom 30. Juni 2014, veröffentlicht auf seinem blog “Fortress Europe” (http://fortresseurope.blogspot.it/)   Del Grande’s blog gehört zu den Quellen für die Verfassung des Berichts Fatal Journeys: Tracking Lives lost during Migration, von Brian Laczko für die Internationale Organisation für Migration (IOM)

T. Brian – F. Laczko (ed.), Fatal Journeys: Tracking Lives lost during Migration, International Organization for Migration (IOM), Geneva, 2014, S. 11, <http://www.iom.int/files/live/sites/iom/files/pbn/docs/Fatal-Journeys-Tracking-Lives-Lost-during-Migration-2014.pdf> [2.10.2014]

 

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