Geschichtsbilder in Europa: Italien

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Nach einigen allgemeinen Überlegungen zu Politik, Geschichtsschreibung und öffentlichem Gebrauch von Geschichte in Italien sollen die Auseinandersetzungen um das  Geschichtsverständnis über die „Zweite“ Republik und die Erinnerung an die „Erste“ Republik und sodann die Geschichtsschreibung über die „Erste“ Republik in den letzten 15 Jahren behandelt werden.

Die öffentliche Diskussion um die eigene, nationale Geschichte hat in Italien einen ausgesprochen „provinziellen“ Charakter, wasmit spezifischen Eigentümlichkeiten des italienischen politischen Lebens zusammenhängt. In den nunmehr fast 150 Jahren seit seiner Einigung hat der italienische Staat das Problem der institutionellen Instabilität nie wirklich bewältigt, insbesondere was die gegenseitige Anerkennung der Legitimität der unterschiedlichen politischen Kräfte angeht. Unter diesen Umständen drehte sich die öffentliche Debatte vor allem um Deutungen der nationalen Vergangenheit, die von den verschiedenen Parteien je für sich instrumentalisiertwurde; sie blieb auf inneritalienische Kontroversen beschränkt, und das umfassendere europäische Geschehen geriet aus dem Blick; immerhin befassen sich mittlerweile aber doch einige Vertreter der akademischen Geschichtsschreibung mit dem europäischen Kontext, mitunter sogar ausgesprochen kompetent. Teil des italienischen „Provinzialismus“ ist zudem die große Aufmerksamkeit, die in der öffentlichen Debatte ausländischen Wissenschaftlern zuteil wird. Historiker aus anderen Ländern, die sich mit Italien befassen, genießen Anerkennung vor allem dadurch, dass sie, zumindest theoretisch, über den Parteien stehen und glaubwürdiger erscheinen als Italiener, die, so die Annahme, zu sehr in nationale Angelegenheiten verwickelt sind. Meistens allerdings (zum Glück nicht immer) vertreten die nicht-italienischen Wissenschaftler jedoch gar keine eigenständige Deutung, sondern reihen sich in die inneritalienischen Streitereien ein. Mit der Aura der Unparteilichkeit werden sie zu  Parteigängern, die von den politischen Lagern dazu benutzt werden, die jeweiligen
Standpunkte zu unterstützen.

Dennoch: der „provinzielle“ Zuschnitt der öffentlichen Geschichtsdiskussion in Italien wird dadurch abgemildert, dass die italienische Geschichte zutiefst Teil der europäischen
Geschichte ist. Das Risorgimento, die „Wiedergeburt“ Italiens, sollte nach dem Willen der liberalen Führungsschicht das Land, wenngleich mit einiger Verspätung, wieder an Europa anschließen, was ja auch geschah. Ohne diese europäische Anbindung kam Italien nie aus, nicht einmal unter dem Faschismus. Und noch mehr fiel diese Zugehörigkeit nach 1945 ins Gewicht, in der Phase des Kalten Kriegs und der Europäischen Einigung. Im Endeffekt ist die öffentliche Diskussion um die nationale Geschichte also stets auch eine Debatte um die Geschichte Europas und allgemeiner noch um die Geschichte der bipolaren Welt. Zum einen, weil die italienische Entwicklung unverständlich bleibt, wenn man sie von äußeren Einflüssen isoliert. Wie sollen etwa die Rückkehr Italiens zur Demokratie oder das Wirtschaftswunder erklärt werden, ohne Italiens Integration in die westliche Ordnung zu berücksichtigen? Und wie ließe sich die politische Geschichte der italienischen Republik erklären, ohne die engen Beziehungen der Italienischen Kommunistischen Partei zur Sowjetunion mit einzubeziehen? Zum anderen sind die nationalen Entwicklungen oft lediglich lokale Erscheinungen umfassenderer historischer Phänomene, die in anderem Gewand auch andere europäische Länder geprägt haben: der antifaschistische Widerstand, derWiederaufbau des politisch-demokratischen Systems, der Kommunismus, das Wirtschaftswunder, die „progressistische Wende“ der 1960er Jahre und die 1968er-Bewegung, der Terrorismus und so weiter.

Die öffentliche Diskussion um die italienische Geschichte hat sich also stets innerhalb dieser provinziellen, aber doch nicht nur provinziellen Grenzen bewegt. Mit der tiefen politischen Krise, die Anfang der 1990er Jahre begann und fünfzehn Jahre später immer noch kein Ende gefunden
hat, veränderte sie sich nachhaltig. Im Folgenden sollen Überlegungen darüber angestellt werden, wie sich die öffentliche Debatte um die politische Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seit 1994 in Italien entwickelt hat, also nach dem durch die Justiz eingeleiteten Zusammenbruch der sogenannten „Ersten Republik“ und seit Silvio Berlusconis Erscheinen auf der politischen Bühne. Dabei wird deutlich, dass die Debatte von den politischen Ereignissen der letzten eineinhalb Jahrzehnte erheblich beeinflusst wurde; entscheidend waren aber daneben Fortschritte der Geschichtswissenschaft selbst, die sich weiterentwickelt hat und dabei durchaus innovativ war, sei es dank methodologischer Neuorientierung, sei es, weil sich einige  „traditionelle“ Deutungen als unhaltbar und instrumentell erwiesen haben, und nicht zuletzt dank der Freigabe neuen Archivmaterials. Im folgenden Abschnitt soll die neue, nach 1994 geführte öffentliche Diskussion um die politische Geschichte Italiens seit 1945 behandelt werden. Sodann wird erörtert, wie die Geschichtswissenschaft im Rahmen dieser Diskussion bestimmte Weichenstellungen in der Entwicklung der Republik interpretiert hat, insbesondere über deren Entstehungsgeschichte. Eine kurze Zusammenfassung wird sich schließlich mit den möglichen Auswirkungen beschäftigen, die die politischen Ereignisse seit dem Frühjahr 2008 haben könnten. 

Giovanni Orsina

Erschienen in: Buchstab, Günter; Uertz, Rudolf (Hrsg.): Geschichtsbilder in Europa. Freiburg 2009.

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