Prof. Marco Gervasoni: “Eine Gesellschaft, die sich neu definiert”

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Von März bis Mai organisieren wir gemeinsam mit den beiden römischen Universitäten LUMSA und LUSPIO die Vorlesungsreihe „Ein neues Zeitalter bricht an: Die 1980er Jahre in Deutschland und Italien“. Prof. Marco Gervasoni von der Università del Molise wird bei der nächsten Vorlesung am 16. April zum Thema “Der gebremste Motor. Das italienische politische System in der Endphase des Kalten Krieges” referieren…

Prof. Marco Gervasoni (Quelle: M. Gervasoni)

(Aquädukt) Sie sind Autor einer Studie zu den 1980er Jahren mit dem Titel “Geschichte Italiens der 1980er Jahre. Als wir modern waren“. Welches waren die grundlegenden Veränderungen, die die italienische Gesellschaft während der 1980er Jahre erfahren hat? 

(Prof. Marco Gervasoni) Die italienische Gesellschaft wird endgültig zu einer Gesellschaft, die sich durch Massenkonsum charakterisiert und sich im Gegensatz zu dem vorigen Jahrzehnt weniger stark an Ideologien orientiert. Eine Gesellschaft, die sich sozial neu definiert (bspw. durch den Bedeutungsrückgang der Arbeiterklasse) und das Individuum als Konsumenten definiert. Ein Prozess, der sich auch in allen anderen westeuropäischen Ländern abspielt, der aber in Italien stärker erfahren wird.

Wer waren die Hauptakteure der italienischen Politik der 1980er Jahre?

Gewiss Bettino Craxi. Aus der Intuition des neuen und modernen Italiens, versuchte er das in sich gelähmte politische System zu befreien. Dann der Parteivorsitzende der DC (Democrazia Cristiana) Ciriaco De Mita. Auch er war überzeugt, dass Reformen dringend nötig waren – wenn auch anders als die, von Bettino Craxi vorgeschlagenen.  Ein weiterer Akteur war der Sekretär der PCI (Partito Comunista Italiano), Enrico Berlinguer, der große Verlierer der 1980er Jahre. Dennoch behauptet er eine linke Minderheit im Land, die sich in der öffentlichen Meinung sehr stark verwurzelt hat. 

In einer Ihrer Rezensionen definieren Sie die Transformation der italienischen Politik während der 1980er Jahre mit dem Begriff  “spettacolarizzazione“ (zu dt. “die Großartigmachung”). Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

In dem Sinne, wie es Jahre zuvor bereits der Franzose Guy Debord, vorgesehen hat. Die Stilelemente des Spektakels durchdringen alle anderen Sphären. Angefangen bei der Politik. Im Grunde machte Silvio Berlusconi seit den 1980er Jahren mit Hilfe seiner Fernsehkanäle und deren Übertragungen (z.B. „Drive in“) „Politik“ – auch wenn er damals noch nicht offiziell auf die politische Bühne getreten war.  So wie, auf seine Art und Weise, Beppe Grillo anfing während der 1980er Jahre Politik zu machen…

Welche Beziehung bestand zwischen Italien und Europa während der 1980er Jahre?

Durch die Bereicherung der Italiener – Bereicherung im materiellen als auch im kulturellen Sinne – konnten die Jungen, und nicht nur diese,  erstmals mehr reisen als noch ihre Väter. Paris, London, Berlin, Madrid waren nicht mehr nur Namen. Europa – verstanden als Europäische Gemeinschaft – wird damals von den Italienern als eine große Chance verstanden, während kaum jemand die Belastungen Ernst genommen hat.

Was war der Beitrag Italiens zum Prozess der europäischen Integration während der 1980er Jahre?

Zum ersten Mal – und das vor allem während der Regierung Craxi – schafft sich Italien eine autonome Rolle in der europäischen Politik und steht nicht mehr,  einmal mehr im Schlepptau Frankreichs oder Deutschlands, wie es seit den 1950er Jahren der Fall gewesen war. Die Regierung Craxi hatte eine bedeutende Rolle in der Behauptung der Achse Mitterand-Kohl gegen Thatcher.

Das Interview führte Patricia Liberatore, Projektkoordinatorin im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Italien.

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