Rezension: „Sag nicht, dass du Angst hast“

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Träume und Hoffnung sind die zwei zentralen Begriffe in dem kürzlich im Albrecht Knaus Verlag erschienenen Werk von Giuseppe Catozzella. „Sag nicht, dass du Angst hast“ heißt der neue Roman des mailändischen Autors und Journalisten, der dem Leser die Tür zu einer der wenig bekannten Realität öffnet. Catozzella erzählt die Geschichte von Samia und ihrem langen, pfadlosen Weg den sie antreten muss, um ihren Traum zu erreichen. Die Erzählung beruht auf der realen Geschichte von Samia Yusuf Omar (1991/2012), einer somalischen Athletin, spezialisiert auf den 200-Meter-Sprint, ertrunken am 2. April 2012 im Mittelmeer.

Dank der genauen und ausführlichen Beschreibungen wird der Leser in die Lage versetzt, das Umfeld, in welchem Samia lebt, kennenzulernen und zu verstehen. Auf eine neue und ernüchternde Weise schildert der Autor eine feindselige Welt, voll Hass. Das ist sicherlich kein neues, aber in der westlichen Welt dennoch fast unbekanntes Bild: Kriege und große Ängste beherrschen den Alltag, in dem der einzige Traum wachgehalten wird, frei und unbeschwert im eigenen Land leben zu können. Es ist ein Wunsch, der nicht immer realisierbar ist – man sucht nach einem Ausweg. Den harten Weg der Tatsachen im Blick, schafft es Catozzella in seinem Buch, die Frage der Emi- und Immigration zum Thema zu machen.

Samia, die Protagonistin der Geschichte, ist ein Kind mit einer einzigen Leidenschaft: Laufen. Nichts anderes gibt ihr ein Gefühl von derartiger Freiheit wie das Laufen. Samia strebt danach, einmal ihr Land in einem internationalen Sportwettkampf vertreten zu können, bei dem die soziale Herkunft und die Hautfarbe keine Rolle spielen. Die junge Protagonistin teilt diesen Traum mit Ali, ihrem guten Freund, Vertrauensperson und Trainer. Eine Beziehung, die trotz verschiedener ethnischer Herkunft der beiden, wie eine Freundschaft zwischen Bruder und Schwester (“aabayo e aboowe”) ist.

Wahrend die beiden Jugendlichen damit beschäftigte sind, erwachsen zu werden und ihre Traume zu realisieren, wird Somalia von einem Bürgerkrieg verwüstet. Die Zerstörungen der Terroristengruppe Al-Shabaab, gefährden alle mühseligen Fortschritte und positive Errungenschaften des Landes. Die Einschränkungen im alltäglichen Leben werden immer größer. Sogar das Laufen, welches für Samia, die einzige Möglichkeit zum Abschalten ist, wird von dem neuen Regime verboten. Samia hat Angst, die einzige Sache in ihrem geliebten und doch gespaltenen Land, bei der sie sich noch vollkommen frei und glücklich fühlt, aufgeben zu müssen. Die Jugendliche findet Trost bei ihrer Familie. Ihre Eltern haben sie bei ihren Entscheidungen bisher immer unterstützt. Auch in diesen schweren Zeiten geben sie ihr weiter Rückhalt. Samia trifft die Entscheidung, an Wettläufen teilzunehmen und gewinnt nach einigen harten Trainingsmonaten ihren ersten Wettkampf.

Samia fühlt sich wie eine Kriegerin: Sie kommt der Realisierung ihres Traumes immer näher. Aber das Glück unserer Protagonistin ist nur von kurzer Dauer: Al-Shabaab besetzt Mogadischu und befiehlt die Vertreibung des Volksstammes der Darod. Alis Familie ist Teil dieser Bevölkerungsgruppe und daher gezwungen zu fliehen. Samia verliert ihren Bruder und Kindheitsfreund. Aber das Mädchen lässt sich nicht unterkriegen: Sie trainiert weiter und hat Erfolg bei einem nationalen Wettbewerb. Später erhält die Jugendliche ein unerwartetes Angebot, an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teilzunehmen.

Das Schicksal holt sie ein: Sie wird die die Kraft finden müssen, den schmerzhaften Verlust ihres geliebten Vaters zu überwinden, die Reise ihrer Schwester Hodan nach Europa, begleitet von bitterer Enttäuschung und den „Verrat“ seitens ihres alten, wieder aufgetauchten „Freundes“, der sie mitnimmt, ihr eigenes Land zu verlassen, um anderswo die Freiheit zu suchen. Die Worte ihres Vaters geben ihr während des Aufbruchs Kraft: „Du bist eine kleine Kriegerin, die in Freiheit läuft und diese Freiheit eines Tages allen Frauen in Somalia bringen wird.“

Samia wird direkte Erfahrung mit der menschlichen Grausamkeit, Gewalt, Unrecht und Betrug machen; Sie wird am eigenen Leib Mutlosigkeit und zugleich Hoffnung erfahren, denen ein Mensch ausgesetzt ist, der sein eigenes Land für die Suche nach einem besseren Leben aufgibt; Jeden Tag wird Samia diese Verzweiflung in den Augen ihrer Reisegefährten sehen und verstehen, was es in Wirklichkeit heißt, zu überleben.

Die Geschichte unserer Protagonistin ist keine mit einem happy ending, wie so viele der Emigranten und Immigranten, die sich dazu entschließen diese „Reise der Hoffnung“ auf sich zu nehmen. Wie schon angedeutet, wird die wahre Samia ihr Leben einige Kilometer vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa verlieren. Eine Geschichte, die erschüttert zurücklässt: Dem armen Mädchen gelingt es nicht, ihren letzten Traum, die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London 2012, zu verwirklichen.

Giuseppe Catozzella jedoch bringt den Leser ein weiteres Mal zum Staunen: Der Autor nimmt den Faden der Geschichte auf und erzählt ein anderes Ende. Ein würdiges Ende eines so großen Traumes.

Von Giulia Antenucci, Observatorium der deutsch-italienischen Beziehungen (OGI).
Übersetzung aus dem Italienischen von Manuel Hermann.

Albrecht Knaus Verlag (18. August 2014)
256 Seiten, 14,99 EUR
Originaltitel: Non dirmi che hai paura (Feltrinelli 2014)

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