Sozialer Wandel im deutsch-deutschen Systemvergleich

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Am vergangenen 7. Mai haben wir unsere Vorlesungsreihe zu den 1980er Jahren in Italien und Deutschland und Italien mit dem Thema “Gesellschaftlicher Wandel  und Transformation” abgeschlossen. Prof. Dr. Klaus Schroeder stellte  den sozialen Wandel insbesondere in einem deutsch-deutschen Systemvergleich dar.  Hier nochmals ein Überblick….

Prof. Dr. Klaus Schroeder (Quelle: K. Schroeder)

(Aquädukt) Welchen Wandel hat die westdeutsche Gesellschaft im Laufe der achtziger Jahre erlebt?

(Prof. Dr. Klaus Schroeder) Die westdeutsche Gesellschaft hat sich weiter ausdifferenziert. Es gab mehr Ein-Personen-Haushalte, Alleinerziehende, Höherqualifizierte und hohe Einwanderungszahlen. Der Wandel vollzog sich unter dem Druck der wirtschaftlichen Veränderungen im Rahmen der Globalisierung. Die Politik hat diesen Wandel begleitet, ihn aber nicht hervorgerufen. Die achtziger Jahre waren geprägt von steigendem Wohlstand für fast alle, einem konstanten Abstand zwischen arm und reich und durch den weiteren Ausbau des Sozialstaates.

Wie in anderen kommunistischen Ländern des Ostblocks waren auch in der DDR die Menschrechte bzw. die Grundfreiheiten wesentlich eingeschränkt. Das ließ die Entstehung einer Zivilgesellschaft nicht zu. Gab es einen sozialen Wandel in der DDR, wenn ja, in welcher Form?

In sozialistischen Diktaturen sowjetischer Prägung bestimmt die politische Ebene alles. Das Politbüro der Kommunistischen Partei (SED) verteilte die materiellen Ressourcen und den sozialen Status. Um die eigenen Privilegien und die eigene Machtstellung nicht in Frage zu stellen, verhinderte die SED den notwendigen sozialen Wandel, d.h. die DDR wurde zu einer blockierten Gesellschaft. Der notwendige wirtschaftliche und soziale Wandel konnte deshalb nicht oder nur sehr verlangsamt stattfinden, Stagnation war die Folge. Die Sozialstruktur der DDR entsprach Ende der achtziger Jahre der der Bundesrepublik Ende der sechziger Jahre, d.h. auf der wirtschaftlichen und sozialen Ebene gab es einen Rückstand von etwa zwanzig Jahren. Die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen ähnelte erstaunlicherweise der in der Bundesrepublik.

Inwiefern haben gesellschaftliche Bewegungen bzw. die Friedens-, Frauen- und Umweltbewegungen zur Modernisierung der ostdeutschen Gesellschaft beigetragen?

In den verschiedenen sozialen Bewegungen haben sich in der DDR nur sehr wenige Menschen organisiert. Die SED ließ keine politische Opposition und keine sozialen Bewegungen zu. Sie mussten also gegen staatliche Verfolgung ankämpfen und haben die eigene Bevölkerung kaum erreicht, und wenn, nur über das westdeutsche Fernsehen. Zu einer weitreichenden Modernisierung der Gesellschaft im Sinne politischer Partizipation konnten sie deshalb nur wenig beitragen.

Wie wurde das politische Misstrauen der Bevölkerung nach der Wiedervereinigung überwunden?

Eine breite Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung hoffte auf den schnellen Wohlstand nach der Wiedervereinigung. Der Unterschied zum westdeutschen Wohlstand stieg nach der Wiedervereinigung schnell von etwa 40 % auf 85 % des westdeutschen Niveaus. Das politische Misstrauen gegenüber der Regierung blieb bei großen Teilen der Bevölkerung leider bestehen. Nur eine Minderheit hält bis heute das demokratische System für verteidigenswert. Die Nachwirkungen von Sozialisation und Erfahrungen in unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Systemen bestehen bis zum heutigen Tag bei großen Teilen der Bevölkerung fort. Ost und West sind sich leider immer noch fremd geblieben, auch in der Beurteilung des politischen und gesellschaftlichen Systems.

Welche Schritte wurden von den beiden deutschen Regierungen in Richtung auf die soziale Modernisierung getan?

Während die westdeutsche Regierung in den achtziger Jahren durch verstärkte Bildung (Anstieg der Abiturienten und höherer Qualifikationen) die wirtschaftliche Entwicklung Richtung Innovation forcierte, kam es in der DDR nicht zu einer Politik der sozialen Modernisierung. Im Gegenteil: Eine notwendige Ausdifferenzierung der Gesellschaft auch in Richtung höherer Qualifikation unterblieb. Die Zahl der Abiturienten und Studenten stagnierte bei etwa 12 %. Die in der DDR ausgebliebene soziale Modernisierung bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Stagnation war einer der wesentlichen Gründe für den Zusammenbruch der sozialistischen Diktatur.

 Die Fragen wurden von Veronica Tomassini, Blog-Praktikantin des Auslandsbüros Italien der Konrad-Adenauer-Stiftung erstellt.

 

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