Studie: Wie sehen Schüler heute die alte BRD und die DDR?

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Am 7. Mai findet unsere diesjährig letzte Vorlesung aus der Reihe „Ein neues Zeitalter bricht an: Die 1980er Jahre in Deutschland und Italien“ statt. In der dritten Vorlesung werden wir uns mit dem gesellschaftlichen Wandel während der 1980er Jahre beschäftigen. Dipl.-Politologin Monika Deutz-Schroeder von der Freien Universität Berlin wird in diesem Rahmen ihre Studie vorstellen, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Schüler heute die alte Bundesrepublik und die DDR sehen.

Dipl.-Pol. Monika Deutz-Schroeder (Quelle: M. Deutz-Schroeder)

(Aquädukt) Was denken junge Menschen heute über die Teilung und die Wiedervereinigung Deutschlands?

(Dipl.-Pol. Monika Deutz-Schroeder) Junge Menschen können sich kaum vorstellen, dass Deutschland einmal geteilt war und die in der DDR lebenden Menschen das Land nicht Richtung Westen verlassen durften. Vor allem die von der DDR gezogene menschenverachtende Grenze, die mehr als eintausend Personen das Leben kostete und viele Zehntausende ins Gefängnis brachte, können sie kaum nachvollziehen. Die Wiedervereinigung sehen sie als eine begrüßenswerte Sache. Das wiedervereinigte Deutschland verstehen sie als ihr Land. Die meisten jungen Menschen begreifen sich als Deutsche, ohne jeden nationalen Überschwang. Deutsch zu sein und ein positives Nationalgefühl zu haben, ist bei einer großen Mehrheit inzwischen genauso normal wie bei  Italienern, Franzosen usw.

Kennen die Schüler viele Fakten über die deutsche Geschichte nach 1945? Wie beurteilen sie die beiden deutschen Staaten?

In den beiden Befragungen, die wir in den letzten Jahren durchgeführt haben, wurde sichtbar, dass eine große Mehrheit der jungen Menschen wenig über historische und politische Details im geteilten Deutschland wissen. Viele von ihnen wissen nicht einmal, ob die DDR eine Demokratie oder eine Diktatur war und selbst die alte Bundesrepublik wird von vielen nicht als Demokratie eingestuft. Es zeigte sich aber, dass die Urteile schärfer und richtiger werden, wenn die jungen Menschen viel wissen. Je höher der Kenntnisstand über die beiden deutschen Staaten ist, desto häufiger werden sie zutreffend als Demokratie oder Diktatur eingeordnet.

Dabei gibt es zwischen jungen Ost- und Westdeutschen deutliche Unterschiede im Urteil: Viele Ostdeutsche verklären im Nachhinein die sozialistische Diktatur in der DDR und betonen deren vermeintlich soziale Dimension. Eine sehr breite Mehrheit der Westdeutschen klassifiziert die DDR als Diktatur und hält die alte Bundesrepublik für den besseren Staat.

Haben die deutschen Regierungen die politische Bildung auf eine realistische Verarbeitung der Vergangenheit  ausgerichtet? Sind solche Maßnahmen erfolgreich gewesen?

Alle Regierungen haben nach der Wiedervereinigung Wert auf die Aufarbeitung der sozialistischen Diktatur gelegt. In verschiedenen Gedenkstätten wurde und wird an die Diktatur erinnert. Die derzeitige Regierung mit dem Kulturstaatsminister, Herrn Bernd Neumann, bemüht sich intensiv, die Aufarbeitung der DDR und der deutschen Teilung zu fördern. Wegen des Förderalismus in der Bundesrepublik hat die Bundesregierung keinen Einfluss auf den Schulunterricht. Leider wird in den Schulen, vor allem in Ostdeutschland, das Thema „Aufarbeitung der DDR“ überhaupt nicht oder nur unzureichend behandelt.

Erst in den letzten Jahren ist das Thema der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung in die Schulunterrichtspläne aufgenommen worden. Dies ist auch Resultat der Ergebnisse unserer Befragungen, die ein breites Echo in den Medien ausgelöst haben. Die Aufarbeitung kann nur erfolgreich sein, wenn sie zwischen dem politischen System und der Lebenswelt der Einzelnen unterscheidet.

Eine Kritik an dem jeweiligen System darf nicht pauschal eine Kritik an einem individuellen Lebenslauf sein. Ostdeutsche reagieren oftmals sehr empfindlich auf eine Kritik an der Diktatur in der DDR, weil sie meinen, auch sie und ihr Leben würden dadurch kritisiert. Tatsächlich geht es aber in der politischen Bildung nicht um eine Delegitimierung des Lebens in der DDR, sondern um eine Delegitimierung der sozialistischen Diktatur. Gleichzeitig sollten aber Westdeutsche gegenüber Ostdeutschen sensibler mit dem Thema umgehen und nicht pauschal urteilen. Auf jeden Fall müssen wir Deutsche uns auch weiterhin intensiv mit dem Thema Teilung und Wiedervereinigung auseinandersetzen, damit das Zusammenwachsen stärker gefördert wird.

Die Fragen wurden von Veronica Tomassini, Blog-Praktikantin des Auslandsbüros Italien der Konrad-Adenauer-Stiftung erstellt.

 

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